Il Supermercato

Bunte Fahnen wehen einladend. Und sie kommen einem bekannt vor: "Treffpunkt X-Markt" heißt es auf deutsch. Ein Konzern aus München hat sich daran gemacht, Italien mit Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu beglücken. Neben dem, was Italiener gewohnt sind, findet man viele Produkte mit deutscher Beschriftung - von der "Nuß-Nougat-Creme" bis zum "Wandhaken", vom "Acht-Körner-Brot" bis zur "Frischhaltefolie", vom "Mehl 00" bis zu "Holzschrauben versenkt". Sogar Mosel-Riesling steht neben dem guten Brunello. Die Kunden scheint es nicht zu stören. Und doch: Der Parkplatz ist bei weitem nicht so voll, wie man es von deutschen Einkaufzentren gewohnt ist. Und von den kleineren und größeren Boutiquen, die an einheimische Händler verpachtet wurden, hat schon so manche aufgegeben. Andere versuchen ihr Glück aufs Neue.

Die Betreiber des Einkaufsparks wollen mit allen Mitteln Kunden anlocken: Das Zentrum ist durchgehend von 9 bis 21 Uhr geöffnet, sogar an Feiertagen und manchmal auch sonntags, und ein kostenloser Busservice klappert die Dörfer der Umgebung ab. Aber das Unternehmen läuft nicht so ganz, wie man sich das gedacht hat. Der Durchschnittsitaliener und vor allem die Italienerin läßt sich mit tollen Schnäppchen nicht so leicht von "seinen/ihren" Einkaufsgewohnheiten weglocken.

Und die liegen gleich um die Ecke, nennen sich auch "supermercato" - und sei der Laden noch so klein. Bei Carla zum Beispiel, dem kleinen "Végé"-Lädchen neben dem Ristorante, gibt es, genau besehen, auf 35 Quadratmetern alles. Fast alles. Aus der Nachfrage hat sich ein ausgeklügeltes Angebot entwickelt. Ein Pflaster für den Kleinen, der sich in den Finger geschnitten hat? Kein Problem. Ein paar Damenstrümpfe? Niemand muß mit Laufmaschen herumlaufen. Soll es heute abend unbedingt Risotto mit echten Steinpilzen sein? Warum nicht; in der kleinen Tiefkühltruhe wird man gewiß fündig. Kann nur deutsches Bier Labsal verschaffen? Wetten, daß irgendwo ein paar Flaschen stehen. Noch schnell vor Geschäftsschluß ein Mibringsel für die Freunde, die einen heute Abend eingeladen haben? Die richtigen Pralinen sind bestimmt dabei. Oder besser ein echter Champagner ? Bestimmt steht irgendwo ein Restposten.

Und damit niemand auf den Gedanken kommt, im großen Einkaufszentrum sei alles billiger, hat Carla die Fenster zugeklebt mit Plakaten, die aufregende Sonderangebote verheißen. Die Aktion "Nimm drei, zahl' zwei" muß niemanden mehr auf die grüne Wiese locken - Carla hat sie einfach kopiert, und so gibt es diese Woche zwölf Rollen Klopapier zum Preis von achten. Das eigentliche Kommunikationszentrum ist die Theke, hinter der Carla thront und die Mortadella abwiegt, den Thunfisch eigenhändig aus riesigen Dosen schöpft, den Parmesan frisch reibt und nebenbei Nachrichten aus dem Dorf empfängt und weiterträgt. Wenn ein hungriger Arbeiter vorbeikommt, wird Carlas Theke zum Stehimbiß: Sie schneidet ein "panino" auf und belegt es liebevoll mit Schinken, den sie vorher natürlich gewissenhaft abgewogen hat. Denn alles muß seine Ordnung haben, und wer gar seinen Rechnungsbon achtlos liegenlassen sollte, dem ruft Carla hinterher: "Lo scontrino!". Es könnte ja die Steuerpolizei an der nächsten Ecke stehen.

Carla nimmt es auch genau mit den Öffnungszeiten, die von der Gemeinde vorgeschrieben sind. Punkt acht gehen die Rolladen herunter. Auch die Mittagsruhe wird streng eingehalten. Aber wenn jemand in seiner Not an der Hintertür anklopft - wer wird denn da hartherzig sein. Der alte Trabalzini im Nachbardorf treibt es sogar noch doller: Er hat neben seinem Mini-Supermarkt, wo alles zu haben ist, eine Bar. Wer sonntags oder zu nächtlicher Stunde mit lebenswichtigen Dingen knapp ist, kippt schnell einen Café oder Grappa und verirrt sich dann rein zufällig in den abgedunkelten Laden, wo er alles findet, was er braucht. Und da kann dann selbst das Einkaufszentrum an der Autobahn nicht mehr mithalten.

Ulrich Rosenbaum