Geschichte: Montepulciano

Montepulciano sei, so sagt man, etruskischen Ursprungs, der Legende nach sogar eine Gründung von König Porsenna, der vor 2500 Jahren von Chiusi aus das Etruskerreich führte. Eher war es aber wohl so, dass es zur Etruskerzeit auf dem Berg von Montepulcinao zwar etruskische Anwesens gab - es sind einige Tiefkeller mit etruskischen Münzen und Kermaik gefunden worden -, eine geschlossene Ansiedlung aber noch nicht bestanden hat. Erst zur zur römischen Kaiserzeit ist eine größere Ansiedlung gesichert, und zwar auf dem obersten Teil der Felsenanhöhe. An der höchsten Stelle, wo heute die Festung ist, stand ein Tempel des Merkur; der Ort hieß deshalb "Monte Mercurius". Aus der späteren Römerzeit stammt der Name "Mons Politianus", der allerdings erst 715 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt wird. Kaiser Otto I. verlieh der Stadt den Titel "Kaiserstadt". Über die Herkunft des Namens gibt es viele Theorien. "Politianus" könnte aus dem lateinischen "publicianum" oder "politicus" abgeleitet sein. Sollte es doch eine etruskische Vorgeschichte der Stadt geben, könnte das etruskische Wort "Purz" der Ursprung sein. Es bedeutete so viel wie "Anführer" und findet sich auch im Namen "Porsenna" wieder.

p.duomoGrößere Bedeutung bekam Montepulciano nach der Jahrtausendwende durch den Umzug des Bischofs von Chiusi, der vor der Malaria aus dem Tal auf den Berg flüchtete. Die Stadt erstreckte sich zunächst nur auf dem "Sasso", also dem obersten Plateau um den Domplatz, und war ummauert. Im Bereich der heutigen tiefer gelegenen Alstadt gab es einzelne "Borgi" wie Voltaia.

-Montepulciano war zunächst sowohl von Siena wie von Florenz abhängig. 1202 leistete die Stadt Florenz den Treueeid, dann wurde es den Senesern unterworfen, die die Festung "Castrum Politianum" erricheten. 1266 begab sich Montepulciano unter den Schutz Karls I. von Anjou. Erst nach langem Hin und Her - die Stadt war immer feindlich gegen Siena gesonnen - wurde Montepulciano 1511 endgültig florentinisch. Erst im Lauf der neuzeitlichen Verwaltungsreform wurde Montepulciano dann Teil der Provinz Siena.

poliziano

Eine Blütezeit erlebte die Stadt in der Renaissance - zahlreiche Bauten zeugen davon. Berühmtester Sohn der Stadt war Angelo Ambrogini (gest. 1494), genannt Poliziano (siehe Foto). Er war Dichter und Humanist und begeisterte den jungen Medici-Herrscher Lorenzo "il Magnifico" (gest. 1492) als Erzieher und Weggefährten für die Wiedergeburt der klassischen Künste. Poliziano war damit einer der großen Wegbereiter der Renaissance. Sein "Orfeo" war das erste Opern-Libretto der Musikgeschichte. Polizianos Gedichte waren das lyrische Pendant zu den Gemälden seines Freundes Sandro Botticelli. Hier wie dort steht die Allegorie im Mittelpunkt. Montepulciano war seit dem Mittelalter florentinisches Territorium an der Grenze zum Kirchenstaat (Umbrien), der hinter dem Ortsteil Valiano begann. Für die Kirchengeschichte sind folgende Persönlichkeiten aus Montepulciano von Bedeutung: "San Agnese", die Heilige Agnes (ihr Geburtshaus in den Weingärten bei Gracciano ist erhalten und ausgeschildert) sowie die Päpste Marcellus II. und Julius III.

montealtIn der Ära des Großherzogtums Toskana ging es Montepulciano besser als mancher anderen Stadt. Der Weinbau war eine der wichtigsten Einkommensquellen, und mit der Trockenlegung des Valdichiana kam andere bedeutende Landwirtschaft hinzu. Nicht unwichtig auch die kirchliche Rolle der Bischofsstadt. Bei der andministrativen Neuordung der Toskana kam das florentinische Montepulciano zur Provinz Siena. Der Stich aus dem Jahre 1771 (unten) zeigt Montepulciano bereits so, wie wir es heute noch erleben.

Am Ende des 2. Weltkriegs fanden in Montepulciano und im Chianatal blutige Kämpfe zwischen deutschen Truppen und it-alienischen Partisanen statt (Foto: Zurückgelassener Deckel eines Benzinfasses der Wehrmacht). wehrmachtDie Deutschen ließen mehrere Bürger zur Vergeltung von Partisanen-Anschlägen öffentlich hinrichten, wobei nach Augenzeugenberichten die Wehrmacht härter vorging als zuvor die Waffen-SS. Die von General Trettner, dem späteren Generalinspekteur der Bundeswehr befehligten Wehrmachtseinheiten zerstörten einige Gebäude, darunter das untere Stadttor von Montepulciano (Porta al Prato) und den "Callone" (Foto unten), die alte Schleusenbrücke am Scheitelpunkt des Chiana-Kanals unterhalb von Valiano (Reste sind noch vorhanden, und das gerettete Medici-Wappen findet man heute in der Kirchenmauer von Acquaviva). Die bereits verfügte Zerstörung historischer Paläste konnte durch den Einsatz des Grafen Origo von "La Foce", der auch deutsche Adelskreise einschaltete, und des Bischofs von Montepulciano verhindert werden. Über 600.000 italienische Männer der zuvor mit den Deutschen verbündeten Mussolini-Armee waren zur gleichen Zeit in Deutschland als Zwangsarbeiter interniert.

calloneDie erste Nachkriegszeit war von der Landreform mit der Abschaffung des Halbpachtsystems geprägt. Auch wenn über tausend Menschen in die Industriestädte des Nordens abwanderten, hat Montepulciano angesichts der zunehmenden Bedeutung des Weinbaus diese Zeit besser überstanden als andere Orte der Toskana. Guido Piovene beschreibt in seinem Klassiker "Viaggi in Italia" (18mal Italien) in den 50er Jahren die Stadt mit ihrer Hauptstraße, die damals noch wie zu Mussolinis Zeiten "Via Roma" hieß: "Es ist eine der lebendigsten, farbigsten, außerordentlichsten Straßen in Italiens... Und im Volk findet man eine gewisse Sanftheit und Gutmütigkeit, von der man nichts mehr merkt, sobald man in das eigentliche Gebiet um Siena kommt."

-Die bäuerliche Bevölkerung ist seit Kriegsende traditionell kommunistisch orientiert. Die KPI, jetzt PDS (Linksdemokraten), hatte stets die Mehrheit, meist sogar die absolute. Bürgermeister ist seit 1995 der Linksdemokrat Piero Di Betto. Im Parlament wird der Wahlkreis Valdichiana seit 1996 im Rahmen des Mitte-Links-Bündnisses "Oligenbaum" vertreten durch Rosy Bindi (Sinalunga) von der Volkspartei PPI, einer der drei Nachfolgeparteien der Christdemokraten, die inzwischen in der neuen liberaldemokratischen Partei von Rutelli aufgegangen ist. Im Bereich der Gemeinde Montepulciano brachte es Mitte-Links bei der Parlamentswahl 2001 auf rund 58 Prozent der Stimmen.

Weltweit bekannt wurde Montepulciano seit 1976 durch den "Cantiere d'arte" (Kunstwerkstatt), ein von dem deutschen Komponisten Hans Werner Henze begründetes Musikfestival (Mitte Juli bis Anfang August). Grundidee ist die Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung in die Gestaltung dieses Festivals. Seit einigen Jahren steckt diese "Kunstwerkstatt" allerdings in der Krise, und 1989 drohte schon einmal das Aus, weil die öffentlichen Mittel nicht mehr so fließen wie einst. 1992 verließ Henze das Festival nach dem Eröffnungskonzert aus Protest gegen die Sparmaßnahmen. 1996 dann die Versöhnung: Henze wurde zu seinem 70. Geburtstag Ehrenbürger Montepulcianos. Immerhin ist inzwischen eine ständige Musikschule entstanden. Die Musikhochschule Köln eröffnet im Oktober 1997 mit der "Europäischen Akademie" eine Außenstelle im Palazzo Ricci zur Ehren ihres Professors Henze.

1959 schrieb Guido Pioveno noch: "Man muss es bedauern, dass das Städtchen Montepulciano von Fremden so wenig besucht wird." Das hat sich seit den 80er Jahren grundlegend verändert. Der Fremdenverkehr ist heute ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Viele Römer, aber auch Deutsche, Schweizer und Briten haben verlassene Bauernhäuser gekauft und revoviert. Einheimische haben den "Agriturismo" als Einkommensquelle entdeckt.

Montepulciano hat rund 14.000 Einwohner und ist die größte Flächengemeinde der Provinz Siena (250.000 Einwohner).