Die Toskanafraktion

Nein, Goethe ist ausnahmsweise nicht schuld daran, daß die Deutschen die Toskana lieben. Für ihn war, als er 1786 nach Italien reiste, das Land der Griechen "mit der Seele suchend", Florenz nur eine kurze Tages-Etappe wert. Die Toskana- und Renaissance-Begeisterung der Nordlichter setzte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein durch Schriftsteller wie Jacob Burckhardt und John Ruskin.

Und heute: "Was ist der eigentlich Inhalt dieses toskanischen Mythos?" fragte der Schriftsteller Gregor von Rezzori. "Ein Gefühl der Ausgezeichnetheit, in dieser Landschaft geborgen zu sein, aus diesem durchweg ziemlich dürren, aber würzig bewachsenen und Essentielles wie Öl und Wein hervorbringenden Boden eine zähe und aufs Essentielle ausgerichtete Lebenskraft zu beziehen. Alle Schönheit, die in der Toskana hervorgebracht worden ist, in der Architektur sowohl wie in der Bildhauerei und Malerei, alles Bedeutende und Schöne auch in der Literatur, Dante monumental an der Spitze, und nicht zuletzt die Schönheit der toskanischen Landschaft selbst gehe, so heißt es, zurück auf die erzeingeborene Gabe des toskanischen Bauern, seine Scheune und seinen Schweinestall aus rohem Feldgestein und möglichst selbstgebranntem Ziegel in der einfachsten und am glücklichsten proportionierten Form zu bauen, seine Maulbeerbaum, sein Zypresse an die einzig rechte Stelle zu pflanzen."

Toskana ist Etrurien, "Tuscien". Die Toskaner von heute fühlen sich gerne als "Etrusker". Der Publizist Indro Montanelli sieht das anders: "Die Toskaner sind allesamt Franken oder Langobarden. Deutsche, um's genau zu sagen. Man braucht sie ja nur anzuschauen: groß, mager, blauäugig und manchmal sogar rothaarig - deutscher geht's nicht."

Für den Schriftsteller Curzio Malaparte (1898-1957) wäre es "am besten, wenn es in Italien mehr Toskaner und weniger Italiener gäbe". Malaparte wurde in Prato geboren, aber er hatte einen deutschen Vater und hieß eigentlich Kurt Erich Suckert. So gesehen war er vielleicht der geistige Stammvater für die Toskana-Deutschen von heute.

Einer von ihnen, der Satiriker Robert Gernhardt, Autor des Theaterstücks "Die Toskana-Therapie", hat beobachtet, daß die Deutschen in der Toskana sich gerne aus dem Wege gehen, um nicht als als solche erkannt zu werden. Er selbst bekomme gelegentlich Anfälle von "Deutschenfeindlichkeit" - aus "Furcht, mit dem gewöhnlichen deutschen Touristen verwechselt zu werden".

Der Politiker Otto Schily, der als Anführer der "Toskana-Fraktion" gilt, hat aus gutem Grund vor dem Mißverständnis gewarnt, dies sei ein Synonym für Luxus. Was Deutsche heute anzieht, ist das einfache Leben. Wie bei jenem Prominenten-Psychiater aus München, der ein verlassenes Bauernhaus im Mugello kaufte, das weder Strom und Telefon noch eine für Autos befahrbare Zufahrt hat. Im totalen Verzicht auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation findet er die wahre Erholung.

Ulrich Rosenbaum

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