Der See ist meine Seele

Hamburg 1984. Eine Vernissage. Poetische Stimmungsbilder aus Umbrien vom Lago Trasimeno in Umbrien. Einfache Impressionen. Die snobistische Schickeria applaudiert. Wo aber war der Maestro? Alles spähte aus nach einem langmähnigen Malerpoeten, groß, melancholisch, umhaucht von der Einsamkeit aller Künstler.

Und dann stand da bei den hochgewachsenen Repräsentanten der Hansestadt und der Republik Italien Massimo Rossano, ging den Autoritäten nur bis zur Schulter und lächelte schüchtern. Klein von Gestalt, Schnurrbart und verlegen vor Kameras und Mikrophonen, neben ihm seine hochschwangere Frau, die ihn beruhigend unterfasste. Als die Präsentation durchgestanden war, kamen wir uns näher. Beide erzählten ganz unbefangen von ihrem ungewöhnlichen Lebensweg.

Wir sprachen mit dem Bahnhofsvorsteher des kleinen, am Lago Trasimeno liegenden Ortes Castiglione del Lago. Seine Familie stammt aus Apulien. Er kam in Rom zur Welt. Aquarelle hat er schon als Kind gemalt. Die Eltern förderten sein Talent. In seiner Ausbildung als Graphiker lernte er auch die Technik der Ölmalerei . "Aber die Zartheit des Aquarells hat mich nie losgelassen", gesteht er. Heute hängen seine Werke in vielen privaten und öffentlichen Sammlungen. Aber leben konnte er davon ja nicht, es war "passatempo", ein Zeitvertreib, wenn auch ein schöner. Fürs tägliche Brot sorgt bis heute die Ferrovie dello Stato, die staatliche italienische Eisenbahn. Er nahm damals dankbar den Job an, der ihm unregelmäßige Arbeitszeiten, vor allem hellwache Nächte bescherte. 1971 versetzten sie ihn nach Castiglione del Lago.

seeEr fand sein Glück gleich zweimal. Da war einmal dieser See, fast ein Binnenmeer, jener Ort der Geschichte, wo Hannibal die Römer vernichtend schlug. Der Trasimeno ist auf der sonnenbeschienenen , der "guten" Seite mit Sandstrand, fast ein Touristenzentrum wie am Mittelmeer. Auf dem anderen, verlandeten, mit Schilf bewachsenen Ufer aber sind die "Orte der Inspiration" : Die Inseln mit den wilden Alpenveilchen, der tiefhängende Morgennebel, die wechselnden Stimmungen des von hohen Bergen umgebenen Trasimeno haben ihn als Motiv nicht mehr losgelassen. "Wißt Ihr, daß hier viele Deutsche wohnen? Nein, nein, nicht die Feriengäste wie der Lehrer aus Ulm, der jeden Sommer das Appartement bei meiner Schwiegermutter bewohnt? Nein, ständig!"

Wir wissen es. Tuoro, Castiglione, Passignano sul Lago sind voller Anhänger des Sees, wie leicht im Telefonbuch nachzuschlagen. Das zweite Glück aber war Gabriella, die Schöne mit den blauen umbrischen Augen. Sie heirateten 1978 und wohnten lange über dem Bahnhofshäuschen direkt an der Linie vor der Schranke. Als wir sie 1985 zum erstenmal dort besuchten, war Francesco gerade geboren, Elisa drei Jahre alt. Wir aßen und redeten stundenlang.

"Wann malst Du denn?" Massimos Landschaften und Stilleben entstanden nachts, in der Zeit zwischen Zugabfertigung, Hochheben der Kelle und Morgengrauen. Dann eine Mütze Schlaf und wieder zum See mit Bleistiften und Skizzenblock. Ich bin ein Vagabund , grinst der beamtete Capostazione.1994 - zehn Jahre danach. Wir sitzen im neuen Haus, natürlich voller Bilder. Vorbei die Enge über der Bahnstation. Aber nicht, weil die Bilder so viel Geld einbrachten. Massimo war sein eigener Maurer, Elektriker, Möbeltischler und Innenarchitekt. Und der "Interpret des Trasimeno?"

Der Malerpoet? Gibt es ihn noch? Wir sticheln ein wenig. Denn er ist ja befördert worden und inzwischen Chef in Terentola. Das ist ein Knotenpunkt, wo die Strecke nach Perugia abzweigt. Dort Chef zu sein, ist schon etwas. "Es hat ihn nicht verändert", sagt Gabriella. "Er ist so geblieben, wie er war, wie ich ihn mag, mit seinem ruhigen Fleiß. Er hat seine einfache und liebenswürdige Art behalten, uns die Empfindungen zu offenbaren, die die Orte in ihm erwecken, an denen er sich wohlfühlt. Und das ist jene sanfte besondere Welt des Trasimener Sees in seiner grünen Zartheit. Er sagt sich, wenn er ein Aquarell malt: Hier ist es schön, jetzt erzähle ich es auch anderen." Elisa und Francesco nicken. Und Massimo auch, Gabriella fest im Blick. "Ja, der See ist meine Seele."

Petra Rosenbaum