Cavalleria rusticana 

Dies ist die Geschichte des Schafhirten Pietrino Loi aus den Bergen Sardiniens, der, da sein Einkommen weder zum Leben noch zum Sterben reichte, eines Tages seine Habseligkeiten zusammenpackte - eine Truhe, die beiden Nachtschränkchen - seine Frau, die wieder schwanger war, und den Sohn nahm und hinunter nach Arbatax zur Fähre nach dem gelobten Festland fuhr.

Am anderen Morgen waren sie in Civitavecchia, stiegen in den Zug ein und in Chiusi, dort wo die Toskana beginnt, wieder aus. Sie wanderten durch die Hügel, bis sie ein verlassenes Landarbeitaus fanden, wo sie einfach einzogen. Pietrino fand Arbeit als Tagelöhner, seine Frau verdiente als Näherin hinzu. Oben auf der Höhe stand ein großes Gehöft zum Verkauf. Pietrino wollte dort eine richtige Schafwirtschaft aufziehen. Sein jüngerer Bruder daheim, noch unverheiratet, war bereit mitzumachen.

Sie gingen zur Bank, nahmen einen Kredit von einer halben Milliarde Lire auf, kauften den Hof, begannen ihn zu renovieren und schafften 250 Schafe an, die Pietrino fortan täglich melken mußte (Foto). Denn sein Bruder entwickelte sich zum Taugenichts. Seinen Anteil am Einkommen verpraßte er in einer Disco, begab sich in die Gesellschaft zweifelhafter Landsleute. An Pietrino, dessen Frau inzwischen noch die Tochter Tiziana und den Sohn Stefano zur Welt gebracht hatte, blieben Arbeit und Sorgen hängen.

Die Einkünfte reichten auf Dauer nicht, um die Kredite abzuzahlen. Pietrino bekam Magengeschwüre, man sah es ihm nur nicht an, weil er immer braungebrannt war. Die Kinder merkten davon wenig. Sie wuchsen glücklich in toskanischer Umgebung auf, und die Eltern nahmen eines Tages mit Schrecken wahr, daß sie nicht ihren Dialekt sprachen. Pietrino vermietete die beiden Wohnungen und zog selber mit der Familie in den Schweinestall. Und dann fand er schließlich jemanden, der ihm soviel für Hof und Herde zahlte, daß er schuldenfrei war. Pietrino arbeitete noch ein paar Monate als Angestellter auf dem einst eigenen Grund, dann packte er die Truhe ein, nahm die beiden Nachtschränkchen, einen kleinen Schwarzweiß-Fernseher, buchte fünf Plätze auf der Fähre nach Sardinien und machte sich auf den Weg nach Civitavecchia. Er kehrte in sein Dorf zurück, arbeitete wieder als Schafhirte.

Als Fabio, der Älteste, 18 wurde, verabschiedete er sich und ging in die Toskana zurück. Die anderen beiden Kinder quengelten: Was sollten sie in Sardinien? Eines Tages packte Pietrino wieder seine Habseligkeiten zusammen, nahm seine Familie an die Hand, und schon am anderen Abend hausten sie wieder in dem verlassenen Haus in den Hügeln bei Chiusi. Schafe wollte er nicht wieder melken, denn seine einst kräftigen Arme waren müde geworden. Ein Cavaliere, Besitzer einer angesehenen Weinguts, gab ihm feste Arbeit, die Kinder fanden ebenfalls Jobs, und Frau Rena arbeitet stundenweise im Supermarkt. Wenn sie genügend Geld gespart haben, werden sie nächsten Sommer nach Sardinien fahren. Aber nur, um Urlaub zu machen. Könnte so oder so ähnlich nicht auch die Geschichte von Ali aus Anatolien sein, der auszog in Deutschland sein Glück zu machen?

Ulrich Rosenbaum